16.07.2020

Dr. med. in der Mall

Mario Schüttauf - hausInvest Fondsmanager

Kaufhaus, Modehändler, Buchladen, Elektronik: Das war das Einkaufszentrum 1.0. Später wandelten sich die reinen Ladenzeilen in Unterhaltungstempel, mit Multiplex-Kino, Indoorspielplatz und riesigem Food Court: die Shopping Mall 2.0.

Dann kam die Funktion als Nahversorger hinzu, mit Drogerie- und Supermarkt im Untergeschoss, während sich der Food Court zur ausgelagerten Kantine umliegender Büros wandelte: die Generation 3.0. Heute erleben wir, wie immer mehr klassische Dienstleistungen in den Zentren angeboten werden, von der Paketannahme über den Frisör und das Reisebüro bis zum Fitnessstudio und Spa. Voilà: 4.0

Wissen Sie, was ich bei diesem breiten Dienstleistungsangebot sehr häufig vermisse? Arztpraxen. Es gibt fast immer Optiker und Apotheken, Fitnesscenter und Sonnenstudios. Das Türschild eines Dr. med. sieht man jedoch nur selten. Warum eigentlich? Es gibt einige gute Gründe, die für Arztpraxen in Shopping-Centern sprechen – dasselbe gilt natürlich auch für Zahnärzte, Sanitätshäuser und andere medizinische Nahversorger:

  • Gut für die Patienten 

Wer vor dem Arztbesuch in der Praxis im schönen Gründerzeit-Altbau erst eine halbe Stunde um den Block kurven muss auf der Suche nach einem Parkplatz, wird die (oftmals kostenfreien) Parkhauskapazitäten eines Shopping-Centers zu schätzen wissen. Wer fit genug ist, macht vor dem Termin einen kurzen Schaufensterbummel, statt im Wartezimmer in der Regenbogenpresse zu blättern. Oder belohnt sich danach im Food Court. Übrigens findet sich auch in fast jeder Shopping Mall eine Apotheke.

  • Gut für die Praxismitarbeiter

Die Auswahl an Möglichkeiten zum Mittagessen sind in vielen Malls inzwischen wirklich bemerkenswert. Vorbei die Zeit, als es nur die üblichen verdächtigen Fastfood- und Imbissketten die Zentren bevölkerten. Für Besorgungen oder den Besuch des Fitnessstudios nach getaner Arbeit müssen keine zusätzlichen Wege mehr eingeplant werden. Praktisch alles findet sich unmittelbar vor der Praxistür.

  • Gut für die anderen Ladenmieter

Eine Arztpraxis bringt zuverlässig Laufkundschaft. Kundschaft, die wenn sie einmal vor Ort ist, auch andere Besorgungen erledigt und zum Teil nicht abgeneigt ist gegen einen kleinen Bummel. Vor allem die Apotheke und der Drogeriemarkt im Haus dürften sich freuen, aber nicht nur die. Dass Patienten mit hohem Fieber und ansteckender Grippe das Center schnell wieder verlassen werden, versteht sich natürlich von selbst.

  • Gut für die Mall-Betreiber

Mehr Laufkundschaft bedeutet mehr Ladenumsatz und am Ende des Tages höhere Erträge für den Eigentümer. Je mehr unterschiedliche Shopping- und Dienstleistungskonzepte er im Shopping-Center unterbringt, desto stabiler ist in der Regel zudem die Positionierung der Mall. Und zu guter Letzt sind in vielen Zentren gerade in den oberen Etagen auch noch Flächen frei. Voraussetzung ist natürlich, dass sich diese auch so umrüsten lassen, dass sie als Praxen geeignet sind.

Es könnte deshalb gut sein, dass wir in einigen Jahren des Öfteren über ein Dr.-med.-Türschild zwischen Jeansladen und Reisebüro stolpern werden. Dass die kommende Shopping-Mall-Generation 5.0 eher einem Gesundheitszentrum mit angeschlossener Ladenzeile gleichen wird, ist allerdings eher nicht zu erwarten ...

 

Autor des Beitrages - Fondsmanager Mario Schüttauf

Zum Autor

Mario Schüttauf arbeitet schon seit 20 Jahren bei der Commerz Real AG. 2001 stieg der Diplomkaufmann ins Fondscontrolling ein, später wurde er als Abteilungsleiter ins Management des hausInvest Fonds eingebunden. 2007 übernahm er die Bereichsleitung für das Portfoliomanagement und in dieser Funktion die Verantwortung für den mittlerweile über 16 Milliarden Euro schweren Fonds. 

Weitere Meldungen